Lebensdaten des Komponisten
27. Januar 1756 in Salzburg – 5. Dezember 1791 in Wien
Entstehungszeit
1786
Uraufführung
Wahrscheinlich am 19. Januar 1787 in Prag unter Leitung des Komponisten
Das Werk beim BRSO
Erstaufführung: 24./25. Oktober 1957 im Herkulessaal unter Eugen Jochum
Weitere Aufführungen unter Rafael Kubelík, Sir Colin Davis, Franz Welser-Möst und Thomas Zehetmair
Zuletzt auf dem Programm: 9./10. Juli 2020 in der Philharmonie im Gasteig unter Franz Welser-Möst
Prag, 7. Februar 1794: »Der Akademiesaal war stark beleuchtet. Im Hintergrund desselben über dem Orchester flammte Mozarts Name in einer Art von Tempel, zu dessen beiden Seiten zwei Pyramiden mit den Inschriften ›Dankbarkeit und Vergnügen‹ transparent illuminiert standen. Man wählte für diesen Abend die besten Stücke von Mozart.«
Ein Gedenkkonzert – in jener Stadt, die Mozarts Figaro, im Unterschied zur matten Wiener Premiere, 1786 enthusiastisch feierte, die wenige Monate später die Uraufführung des Don Giovanni am 29. Oktober 1787 triumphal zelebrierte und zwischen diesen Ereignissen den Komponisten mit einer herzlichen Zustimmung empfing, die er in Wien zunehmend entbehren musste. Im Januar 1787 reiste Mozart mit seiner Frau Constanze und einigen Begleitern, darunter Anton Stadler, nach Prag, um auf Einladung einer »Gesellschaft grosser kenner und Liebhaber« Zeuge des beispiellosen Erfolgs sein zu dürfen, der Le nozze di Figaro dort zuteil wurde: Am 22. Januar übernahm er selbst die Leitung einer Aufführung. Drei Tage zuvor hatte er am selben Schauplatz, dem Nationaltheater, und mit demselben Figaro-erprobten Orchester eine Akademie veranstaltet und das dankbare, gebildete und verständnisvolle Auditorium, sein Publikum, als Pianist mit drei Fantasien und improvisierten Variationen über »Non più andrai« (Figaro, 1. Akt) begeistert.
»Wir wußten in der That nicht, was wir mehr bewundern sollten, ob die ausserordentliche Komposition, oder das ausserordentliche Spiel; beydes zusammen bewirkte einen Totaleindruck auf unsere Seelen, welcher einer süßen Bezauberung glich!«, erinnert sich Franz Xaver Niemetschek, ein böhmischer Lehrer und früher Biograph Mozarts. Und er fährt fort: »Die Sinfonien, die er für diese Gelegenheit setzte, sind wahre Meisterstücke des Instrumentalsatzes, voll überraschender Uebergänge und haben einen raschen, feurigen Gang, so, daß sie alsogleich die Seele zur Erwartung irgend etwas Erhabenen stimmen. Dieß gilt besonders von der großen Sinfonie in D-Dur.« Und nach dem Ort ihrer – mutmaßlichen – Uraufführung ist sie auch benannt, Mozarts Symphonie Nr. 38 KV 504, die Prager Symphonie.
»Prag ist denn auch die Stadt, der man heute das Prädikat der Entdeckerin Mozarts zuerkennen möchte«, urteilt Wolfgang Hildesheimer. So darf der Beiname vor allem als Ausdruck historischer Gerechtigkeit akzeptiert werden, als Reverenz an die Stadt, die Figaro und Don Giovanni so spontan zu schätzen wusste. Dennoch bedarf er der Klarstellung: Mozarts Symphonie wurde in Prag gespielt, sie ist allerdings nicht für Prag geschrieben worden. Am 6. Dezember 1786 notierte Mozart das Kompositionsende in sein eigenhändiges »Verzeichnüß aller meiner Werke«, nur zwei Tage nach dem großen C-Dur-Klavierkonzert KV 503. Vier Adventsakademien, die Mozart in Wien zu bestreiten hatte, könnten der ursprüngliche Entstehungsanlass des D-Dur-Opus gewesen sein; und die Einladung aus Prag traf wohl erst nach dem 6. Dezember ein.
Neue Farbigkeit des Orchesterklangs
Die Würdigung Prags als »Entdeckerin Mozarts« legitimiert den Beinamen; retrospektiv verschafft er der von der Wiener Zentrale verdächtigten und gedemütigten böhmischen Stadt eine gewisse Genugtuung. Nicht ohne Rührung liest man die Zeilen aus der Prager Oberpostamtszeitung vom 12. Dezember 1786, die mit Stolz von der erfolgsverwöhnten Einstudierung des Figaro im Nationaltheater berichten: »Kenner, die diese Oper in Wien gesehen haben, wollen behaupten, daß sie hier weit besser ausfalle; und sehr wahrscheinlich, weil die blasenden Instrumenten, worinn die Böhmen bekanntlich entschiedene Meister sind, in dem ganzen Stück viel zu thun haben.«
Der Ausnahmerang der böhmischen Bläser kam Mozart natürlich sehr entgegen. Die in Wien modische Harmoniemusik, die Anwesenheit bedeutender Virtuosen (etwa der Gebrüder Stadler oder der – böhmischen – Bassetthornspieler Anton David und Vincent Springer) inspirierten seine ohnehin von Neugierde und Innovationslust beflügelte instrumentatorische Phantasie und beförderten eine Vertiefung seiner symphonischen Orchestrierung zu staunenerregender Farbigkeit. Nicht zuletzt seinen Mannheimer Aufenthalten verdankte Mozart den gesteigerten Sinn fürs Orchestrale, für variablen Klang und instrumentale Expressivität; in Mannheim hatte auch der – böhmische – Komponist Johann Stamitz die Viersätzigkeit der Symphonie etabliert, die bald schon so selbstverständlich war, dass das Fehlen des Menuetts in der Prager seither mit Verwunderung und verwegenen Spekulationen kommentiert wird. Und noch einen Beinamen stiftete: »Symphonie ohne Menuett«.
Kontrapunktische Schreibweise
Zwei für Mozarts künstlerische Biographie wesentliche Erfahrungsprozesse gingen den Tagen, da die D-Dur-Symphonie KV 504 entstand, voraus. Seit dem Frühjahr 1782 besuchte Mozart die sonntäglichen Matineen des Baron van Swieten, seines auch auf längere Sicht loyalsten Mäzens, der als Gesandter am Hofe Friedrichs des Großen in Preußen seine Liebe zu Bach und Händel entdeckt hatte und nun Mozart mit ihrer Musik vertraut machte. Nach einigen verkrampften Fugenexperimenten im Schatten des Thomaskantors entspannte sich Mozarts Verhältnis zum Zeitalter der Kontrapunktik: Die 1782 begonnene c-Moll-Messe KV 427, ihr »Cum Sancto Spiritu« und die Doppelfuge des »Hosanna«, legen davon ebenso Zeugnis ab wie das G-Dur-Streichquartett KV 387 (vom Ende des krisenhaften Jahres 1782), dessen Schlusssatz – wie später das Finale der Jupiter-Symphonie – Sonatenform und Fugentechnik vereinigt.
Der freie und souveräne Umgang mit kontrapunktischer Schreibweise erlaubte Mozart in der Folgezeit Kompositionen, die vor 1782 nicht denkbar gewesen wären. Insbesondere die Prager Symphonie gehört zu ihnen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Synkopen der Ersten Geigen eröffnen das Allegro, sie initiieren und begleiten ein ebenfalls synkopisches Motiv der übrigen Streicher, ehe sie in eine drängende, pulsierende Bewegung einmünden, die an das Fugato der Zauberflöten-Ouvertüre gemahnt und tatsächlich noch in der Exposition Gegenstand kontrapunktischer und imitatorischer Behandlung wird. Ein omnipräsenter Durchführungscharakter bestimmt die ganze Symphonie, so dass die eigentlichen Durchführungsteile konsequenterweise kurz und dicht (und dramatisch) gehalten sind.
Ästhetik der Gegensätze
Die Monate zwischen Ende 1782 und Anfang 1785 konfrontierten Mozart immer wieder mit einer Aufgabe, die ihm strengste Selbstprüfung und schonungslose Kritik am eigenen Werk auferlegte: Er schrieb sechs Streichquartette für seinen väterlichen Freund, den Gründervater der Gattung, für Joseph Haydn. Als »Frucht einer langen und mühevollen Arbeit« hat Mozart sie später präsentiert, und die zahlreichen Korrekturen, Retuschen und Rasuren in den autographen Partituren beweisen, dass er keinesfalls der Wichtigtuerei verfallen war. Haydn erkannte den Wert des ihm gewidmeten Quartett-Zyklus, er rühmt Mozart als den »größten Componisten, den ich von Person und dem Namen nach kenne; er hat Geschmack, und überdieß die größte Compositionswissenschaft«, vertraute er dem Vater Leopold an.
»Der größte Componist« – Mozart hatte sich eine musikalische Kunst erobert, die die Epochen überwölbt und versöhnt. Werke wie die fast gleichzeitig entstandenen KV 503 und 504, das C-Dur-Konzert und die Prager Symphonie, entfalten die Majestät und den Glanz der barocken Vergangenheit, und sie enthüllen eine intime, zumeist kantable Lyrik, die den Weg ins 19. Jahrhundert andeutet. Mozarts in den 1780er Jahren gewonnene Größe offenbart sich nicht zuletzt in jener Ästhetik der Gegensätze, die er so zu beherrschen wusste, dass sie, wie in der Adagio-Einleitung der Prager Symphonie, äußerste Spannung zu erzeugen vermögen: Kontraste von Forte und Piano, von greller Beleuchtung und schüchterner Andeutung, von pompöser, ehrfurchtgebietender Geste und zartem Detail.
»Wer die Schönheit angeschaut mit Augen«
Es ist unabdingbar, Mozarts Wiener Jahre als Gesamtheit zu betrachten, um ein einzelnes Werk dieser Zeit verstehen zu können. »Andere mögen manchmal mit ihren Werken den Himmel erreichen. Mozart aber, der kommt von dort, der kommt von dort!« Dieses Bekenntnis des Dirigenten Josef Krips vertraut dem Überschwang der Gefühle offenkundig mehr als einem solchen Versuch historisch-biographischer Einordnung. Man mag darüber lächeln, doch wer wollte bestreiten, dass ihn beim Anhören des Andante, des ergreifenden zweiten Satzes der D-Dur-Symphonie KV 504, ähnliche Gedanken überkommen. Alfred Einstein, Musikhistoriker und Mozarts grandioser Biograph, ist sicher nicht der einzige, den diese Musik an August von Platens Tristan erinnert:
»Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheimgegeben …«
Das folgende Presto, der Schlusssatz, der möglicherweise schon einige Monate vor den anderen beiden Sätzen fertig war, bestätigt, was das Adagio – Allegro und das Andante eher assoziativ nahelegen: die Verwandtschaft der Symphonie mit den Prager Erfolgsopern Figaro und Don Giovanni. Denn das zentrale Viertonmotiv des Finales findet sich auch in dem Duettino »Aprite, presto, aprite« (Figaro, 2. Akt), das mit Cherubinos rettendem Sprung aus dem Fenster endet. Ob die Zuhörer im Nationaltheater aufmerkten bei dieser Ähnlichkeit? Immerhin ließ Mozart ja seinen Wiener Freund Gottfried von Jacquin wissen: »hier wird von nichts gesprochen als vom – figaro; nichts gespielt, geblasen, gesungen und gepfiffen als – figaro.«
Prag, 7. Februar 1794, das Gedenkkonzert neigt sich seinem Ende entgegen: »Den Beschluß machte eine der besten Sinfonien, die es gibt, in D-Dur von Mozart […] Man kann sich vorstellen, wenn man Prags Kunstgefühl und Liebe für Mozart’sche Musik kennt, wie voll der Saal gewesen ist. Mozarts Witwe und Sohn zerflossen in Thränen der Erinnerung an ihren Verlust und des Dankes gegen eine edle Nation.«