Lebensdaten des Komponisten
31. Januar 1797 in der Gemeinde Himmelpfortgrund (Wien) – 19. November 1828 in Wieden (Wien)
Entstehungszeit
1825/1826
Widmung
Schubert schenkte das Manuskript Ende 1826 der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Uraufführung
21. März 1839 in Leipzig mit dem Gewandhausorchester unter Felix Mendelssohn Bartholdy
Das Werk beim BRSO
Erstaufführung: 26./27. Oktober 1950 in der Aula der Ludwig-Maximilians-Universität unter Eugen Jochum
Weitere Aufführungen unter Karl Böhm, Rafael Kubelík, Sir Colin Davis, Leonard Bernstein, Lorin Maazel, Riccardo Muti, Franz Welser-Möst, Herbert Blomstedt, Daniel Harding, Sir John Eliot Gardiner und Mariss Jansons
Zuletzt auf dem Programm: 8./9./10. Februar 2024 in der Isarphilharmonie unter Semyon Bychkov
Der 1987 verstorbene amerikanische Komponist Morton Feldman ließ sich bekanntlich von orientalischen Teppichen inspirieren. Er verstand deren Muster als »patterns«, als musikalische Zellen: so in seinem 1983 entstandenen Stück Crippled Symmetry, das aus entsprechenden Kleinteilen zusammengesetzt ist. Anregung bot ihm aber auch die Herstellung dieser Teppiche. Deren Weber und Weberinnen hätten, erläuterte Feldman einmal, zu Beginn ihrer Knüpfarbeit ein bestimmtes Muster vor Augen. Im Lauf der vielen Zeit, die man für die Herstellung eines meterlangen Teppichs nun einmal benötigt, käme es zu kleinen Abweichungen. Solche »Webfehler« baue er auch in seine Kompositionen ein. Sein 1979 vollendetes Violinkonzert, eine sich äußerst langsam entfaltende Musik, betrachtete er als einen Vortrag darüber, »wie man ein Stück durch die Variation sämtlicher Parameter in Gang hält.«
Es gibt einen klassischen Komponisten, der zu dem Denken des Amerikaners einen klaren Gegenpol bildet – Ludwig van Beethoven. Dessen Werke, deutlich ablesbar an der Eroica oder der Neunten Symphonie, sind teleologisch ausgerichtet, streben von der ersten Note an einem finalen Höhepunkt zu, etwa dem Schlusschor »Freude, schöner Götterfunken«. Ein derart lineares Zeitverständnis war Feldman ein Dorn im Auge. Ihm ging es um ein kontinuierliches Kreisen, um Wiederholungen mit minimalen Abweichungen. Kein Wunder, dass er, aber auch sein enger Freund John Cage, in Beethoven eine Art Feindbild sahen. Doch es gibt auch einen klassisch-romantischen Komponisten, der mit dem Denken Feldmans weitgehend übereinstimmt – Franz Schubert. Dessen wichtigste Werke, wie etwa die C-Dur-Symphonie D 944, widersprechen ebenfalls einem linearen Zeitverständnis, wiederholen und modifizieren das Gesagte, ohne dessen Substanz anzutasten. Kein Wunder, dass Feldman seinen Geistesverwandten aus Wien verehrte.
Das Jahr 1825 war für Schubert ein durchaus glückliches. Er hatte die Folgen seiner 1823 ausgebrochenen Syphilis-Erkrankung nicht ganz, aber doch weitgehend überwunden. Zahlreiche seiner Kompositionen gingen in den Druck, so seine schon 1816 entstandene C-Dur-Messe. Und er reiste im Sommer mit dem Sänger Johann Michael Vogl, seinem väterlichen Freund, ein zweites Mal nach Oberösterreich, um mehrere Wochen in Steyr, Gmunden und Linz zu verbringen. Sie fanden in vornehmen Privathäusern stets freundliche Aufnahme, von ihren Gastgebern ebenso verehrt wie verwöhnt. »Ich lebte da sehr angenehm und ungeniert«, beschrieb Schubert den Aufenthalt in Steyr in einem Brief an seinen Freund Josef von Spaun. In dieser Zeit dürfte er mit der Arbeit an seiner Großen C-Dur-Symphonie D 944 begonnen haben. Ein gutes Jahr später konnte er sie abschließen.
Verhaltene Monumentalität
Bereits die ersten acht Takte des eröffnenden Satzes (Andante – Allegro ma non troppo) enthalten wesentliche Charakteristika der Schubert’schen Kompositionsweise. Auf den ersten Blick scheinen sie wegen ihrer Quadratur völlig konventionell zu sein. Schaut man aber genauer hin, sieht man, wie Schubert die Konvention unterläuft und aushöhlt. Denn er gliedert das Thema nicht wie gewöhnlich in zwei Mal vier Takte, sondern in drei plus drei plus zwei Takte, indem er die Dreiergruppen rhythmisch gleich aufbaut und die Zweiergruppe aus dem hier verlängerten Schlusstakt der zweiten Dreiergruppe gewinnt. Das Spiel mit dem Schein und dem Sein setzt sich auch in der Tonalität fort. Die acht Takte enden zwar auf C, zwischendurch aber trübt sich die Grundtonart C-Dur nach a-Moll ein. Eigenartig ist auch die Wirkung der Dynamik: Obwohl die Takte »piano« beziehungsweise »pianissimo« zu spielen sind, wirken sie auf seltsame Weise monumental – ein Eindruck, zu dem die ungewöhnliche Besetzung mit dem unbegleiteten Solo-Horn erheblich beiträgt. Wie bei einem orientalischen Teppich wiederholt sich das Muster. Der Vortrag des Achttakters obliegt nun den Holzbläsern, während die Bratschen anschließend die zweite Wiederholung des Themas übernehmen. So setzt sich der Aufbau in mächtigen Steigerungen und immer neuem Licht bis zum Schluss des Andante fort.
Neuartig ist auch der Übergang vom Andante zum Allegro. Während die langsame Einleitung eines symphonischen Kopfsatzes in der Regel vom anschließenden Allegro deutlich abgesetzt wird, verschleift Schubert hier die beiden Satzteile, indem er die Punktierungen vom Schluss des Andante auf das signalartige Hauptthema des Allegro überträgt. Die begleitenden, auf Tonwiederholungen basierenden Trio-len dienen als eine Art Motor, bis das Geschehen in das tänzerische, von Oboe und Fagott vorgestellte Seitenthema mündet. Auch hier sabotiert Schubert die etablierte Form. Denn es steht nicht wie üblich in der Tonart der Dominante, also in G-Dur, sondern in e-Moll. So wird der Gegensatz zwischen Haupt- und Seitenthema abgemildert – eine jener Eigenschaften, die Robert Schumann dazu veranlasste, von den »himmlischen Längen« der Großen C-Dur-Symphonie zu sprechen.
Marsch und Zusammenbruch
Der zweite Satz, ein Andante con moto, wartet mit einem marschartigen Hauptthema auf, das von Gustav Mahler stammen könnte: Er hegte ja eine Vorliebe für entsprechende Rhythmen. Die Tristesse, die es umflort, wird immer wieder durch wuchtige, fast brutal anmutende Tutti-Akkorde gestört. Man ahnt eine Katastrophe. Sie ereignet sich dann auch, ungefähr zu Beginn des letzten Satz-Drittels: ein mächtiger, im dreifachen Forte auszuführender Schlag des gesamten Orchesters, dessen Sprengkraft zu einer Generalpause führt. Danach finden die Instrumente nur zögerlich wieder zusammen, um über einen lichten A-Dur-Abschnitt zum anfänglichen a-Moll zurückzukehren.
Hörner und Tonrepetitionen
Das Scherzo (Allegro vivace) schwankt zwischen energiegeladenen, motorischen und wiegend walzerhaften Abschnitten, bei denen bereits die Familie Strauß um die Ecke schaut. Sein Mittelteil, ein liedhaftes Trio, erinnert an Vergangenes: einerseits, indem die Hörner eröffnen; andererseits, indem es von Passagen gerahmt ist, deren Flächigkeit auf Tonrepetitionen basiert, die bereits in den vorangegangenen Sätzen eine Rolle gespielt haben.
Abbild einer brüchigen Welt
Wie es für Schubert typisch ist, zeichnet sich auch das Finale, wie er selbst den Schlusssatz nannte, durch eine gewisse Ambiguität aus. Ist es ein Fanal des Triumphes? Trägt es gar opernhafte Züge? Oder ist es das Abbild einer brüchigen Welt, die allenfalls eine polierte Oberfläche zeigt? Für Letzteres spricht manches. So gleich der Beginn: Auf ein punktiertes Tutti-Motiv im Fortissimo folgt eine Viertelpause, der sich eine triolische Figur der Streicher im Piano anschließt. Und wie schon beim einleitenden Hornthema wird die Strahlkraft von C-Dur immer wieder durch Molleintrübungen gebrochen. Geradezu beängstigend kommt das Seitenthema daher. Die vier hammerartigen Schläge, die es einleiten, wirken von Mal zu Mal erschreckender. Daher möchte man dem Schubert-Forscher Harry Goldschmidt nicht zustimmen, wenn er das Finale mit einem »frenetischen Massenjubel« vergleicht, mit einem tosenden Schlussapplaus.
Allerdings kommt der marxistisch geschulte Musikwissenschaftler zu einer originellen Deutung der punktierten Tutti-Motive vom Satzbeginn. Er führt in seiner 1964 erschienenen Schubert-Biographie aus, dass sie auf die hier eingangs erwähnte Reise nach Oberösterreich zurückgehen. Der Komponist habe damals sogenannte »Pilotenschläger« bei ihrer Arbeit beobachten können. Zur Aufgabe des im Salzkammergut weit verbreiteten Berufsstandes gehörte es, die »Zuflüsse der Donau schiffbar zu halten, um den Transport des Salzes zu gewährleisten«, des wichtigsten Exportartikels der Region. Dabei bedienten sie sich eines Rammbocks, um – begleitet von Arbeitsliedern und einem bestimmten Rhythmus – Pflöcke in die Ufer zu treiben. In seinem posthum erschienenen Klaviertrio Es-Dur D 897, folgert Goldschmidt, habe Schubert die Arbeitsweise der »Pilotenschläger« verklanglicht, mit einer rhythmischen Figur, einem punktierten Motiv, das auch den Schusssatz der C-Dur-Symphonie durchwirkt – ein Deutungsansatz, der möglicherweise auch die »Hammerschläge« erklärt.
»Dem Verewigten eine Ehrensäule«
Wie das Werk an sich darf man auch seine Rezeptionsgeschichte als besonders bezeichnen. Obwohl Schubert es der noch jungen Gesellschaft der Musikfreunde in Wien widmete, kam es zu seinen Lebzeiten zu keiner Aufführung, wohl weil die aufführungstechnischen Anforderungen für damalige Verhältnisse zu hoch waren. Auch die Bemühungen seines Bruders Ferdinand, 1836 wenigstens das Finale dem Publikum vorzustellen, liefen ins Leere. Der Initiative Robert Schumanns, der sich 1838/1839 in Wien aufhielt, um dort seine Neue Zeitschrift für Musik zu etablieren, ist die Uraufführung zu verdanken. Schumann besuchte Ferdinand und stöberte in Schuberts hinterlassenen Partituren. Als er das Manuskript der C-Dur-Symphonie entdeckte, war er sich über die Bedeutung dieses Fundes sofort im Klaren. Er übermittelte die Partitur seinem Freund Felix Mendelssohn Bartholdy, dem damaligen Leipziger Gewandhauskapellmeister, der das Werk im März 1839 aus der Taufe hob. »Durch diese Aufführung«, schrieb Ferdinand an Mendelssohn, »welche classisch seyn mußte, da sie so große Wirkung in den musikalischen Gemüthern hervorgebracht hat, haben Sie, Herr Doctor!, dem Verewigten eine Ehrensäule errichtet.«