Lebensdaten des Komponisten
31. Januar 1797 in der Wiener Vorstadt Himmelpfortgrund – 19. November 1828 in der Wiener Vorstadt Wieden
Lieder
Ganymed, D 544
Entstehung: 1817; von Richard Strauss orchestriert 1897
Uraufführung der Orchesterfassung: 31. Januar 1897 am Königlichen Hof- und Nationaltheater in München mit Raoul Walter (Tenor) unter der Leitung von Richard Strauss
Das Werk beim BRSO: Erstaufführung am 12./13. März 2026 im Münchner Herkulessaal mit Julian Prégardien (Tenor) unter Sebastian Weigle
Im Abendrot, D 799
Entstehung: 1825; von Max Reger orchestriert 1914
Das Werk beim BRSO: Erstaufführung am 24./25. Mai 2012 im Münchner Herkulessaal mit Matthias Goerne (Bariton) unter Christoph Eschenbach
Der Vater mit dem Kind, D 906
Entstehung: 1827
Das Werk beim BRSO: Erstaufführung am 12./13. März 2026; Harfenbegleitung nach der Klavierstimme
Erlkönig, D 328
Entstehung: 1815; von Franz Liszt orchestriert 1860
Das Werk beim BRSO: Erstaufführung am 12./13. März 2026
Du bist die Ruh’, D 776
Entstehung: 1823; von Max Reger orchestriert 1913
Das Werk beim BRSO: Erstaufführung am 12./13. März 2026
An Selbstironie mangelte es Richard Strauss offenbar nicht. Als ihn eine Tageszeitung um einen Beitrag über Schubert bat, notierte er freimütig: »Also drum einmal nachgedacht! Bei näherem Nachdenken die Erkenntnis, daß ich über Franz Schubert überhaupt noch kaum ernstlich jemals nachgedacht hatte. Wenn ich melodienhungrig war, hatte ich mir wohl so und so oft ein Dutzend Schubertscher Lieder durchgespielt, wenn ich mir einen besonderen Feiertag vergönnte, die C-dur-Sinfonie dirigiert«, gestand er ein. »Aber sonst – nachgedacht hatte ich nicht über Schubert, wirklich nicht – nur ihn angebetet, gespielt und gesungen und bewundert!«
Für eine »Gedenkfeier zu Franz Schuberts 100. Geburtstage«, die am 31. Januar 1897 im Münchner Hof- und Nationaltheater begangen wurde, setzte Strauss die »Unvollendete« h-Moll-Symphonie auf das festliche Programm, aber auch den Ganymed, Goethes Gedicht aus dem Jahr 1774, von Schubert im März 1817 vertont und von Strauss zur Feier des Tages »instrumentirt«, also vom Klavier aufs Orchester befördert. Welches er allerdings unzeitgemäß moderat besetzte, mit der einzigen Extravaganz eines Hörnerquartetts, und auch durchweg traditionell behandelte – bis hin zum Flötensolo beim Ruf der Nachtigall. Jedenfalls klingt das Orchester nicht nach Strauss, der erst einige Wochen zuvor seinen Zarathustra uraufgeführt hatte, aber ebenso wenig nach Schubert, der ungleich farbiger, trennschärfer, kontrastreicher orchestrierte. In der Strauss-Fassung geht der antike griechische Sagenstoff um den von Zeus entführten Knaben in einer lichten, verspielten Jugendstil- und Neorokoko-Ästhetik auf. Strauss fand in diesem Lied alles, was ihm heilig und sympathisch war: Als »germanischer Grieche« fühlte er sich von der mythologisch inspirierten Dichtung angezogen, in Goethe erkannte er den »letzten Gipfel« der Geistesgeschichte, und sein Melodienhunger wurde durch Schuberts Lied ohnehin gestillt.
Ins rechte Rampenlicht
Der Sänger wird vom Orchester geradezu andächtig »umfangen« und wie auf Händen getragen. Bei der Münchner Uraufführung sang Raoul Walter den Ganymed, königlich-bayerischer Kammersänger und stilbildender Mozart-Interpret seiner Zeit am Nationaltheater. Sein Vater, der Wiener Hofopernsänger Gustav Walter, war sogar ein Pionier des Schubert-Gesangs, der mit seinen exklusiven Schubert-Soireen das Lied aus der behüteten Sphäre der Hausmusik und des Salons in die Öffentlichkeit des Konzertsaals holte, obendrein die neue Konzertform des Liederabends etablierte und nicht zuletzt den noch immer zu entdeckenden Komponisten Franz Schubert ins rechte Rampenlicht rückte. Denn bei aller Popularität blieb Schubert auch Jahrzehnte nach seinem frühen Tod ein Fall später Gerechtigkeit, flammender Plädoyers und neugieriger Programmpolitik.
Die »Erlkönig-Stute«
Auch Franz Liszt stellte seinen europaweiten Ruhm in den Dienst des 1828 verstorbenen Schubert. Liszt betätigte sich als Herausgeber ausgewählter Klavierwerke Schuberts, er befasste sich mit dem Projekt einer Schubert-Biographie; er orchestrierte Schubert’sche Klaviermusik, darunter die Wandererfantasie (für Klavier und Orchester). Und er spielte dessen Lieder in eigenen, freien und fantasievoll ausufernden Übertragungen auf dem Klavier. Mit dem Erlkönig (D 328), Schuberts Lied von 1815 nach Goethes berühmter Ballade (die bis heute nichts von ihrem traumatischen Schrecken verloren hat), befasste sich Liszt ein Leben lang und aus allen denkbaren Richtungen. Er begleitete den französischen Tenor Adolphe Nourrit am Klavier und schuf eine Transkription, die bald zu seinen »Greatest Hits« gehörte und überall von ihm als Zugabe verlangt wurde. »Wie oftmals habe ich nicht die Erlkönig-Stute besteigen müssen!«, klagte er schließlich, als er der ewigen Tourneen und pianistischen Spektakel längst überdrüssig war.
»Rasche, aber tödliche Konflikte«
Liszt gab das rastlose Virtuosendasein auf, zog sich nach Weimar zurück und wechselte die Rollen: vom »Claviator maximus« zum Großherzoglichen Hofkapellmeister. In der thüringischen Residenzstadt konnte Liszt mit einem kleinen, aber feinen Orchester arbeiten – und fortan auch für diese Besetzung komponieren, kenntnisreich und praxiserprobt. 1860, als auch diese Epoche in seinem bewegten Leben schon wieder zu Ende ging, arrangierte er Orchesterfassungen zu sechs ausgewählten Schubert-Liedern, darunter doch nochmals der vermeintlich zu Tode gerittene Erlkönig. »In dem kurzen Spielraum eines Liedes macht uns Schubert zu Zuschauern rascher, aber tödlicher Konflikte«, erklärte Liszt, der das zum Bersten gespannte Miniaturdrama des Erlkönigs mit seinen sekundenschnell wechselnden drei Stimmen (plus Erzähler) orchestral noch verschärft und zuspitzt, ohne jedoch Schuberts Original zu verfremden oder zu überfrachten. Er dient seinem Idol, nicht umgekehrt. Die plastische, charakteristische, nachtschwarze Instrumentation, die grellen Trompetenstöße, die irrlichternden Flötensoli, das trügerisch verführerische Harfenspiel bei den Zuflüsterungen des Erlkönigs, die Paukenschläge im Angesicht der Katastrophe gehen musikalisch wie theatralisch zwingend aus Schuberts Lied hervor, als könne es gar nicht anders sein, als hätte man diese Ballade niemals anders gehört als in Liszts betörend bedrohlicher Orchestervision.
Anachronistische Doppelgänger
»Aber Goethe ist auskomponiert«, behauptete Max Reger. »Schubert konnte noch Goethe komponieren, denn er war ein musikalischer Naturbursche, er nahm die Texte ganz naiv, und während des Komponierens hatte er so geniale Einfälle, daß damit eigentlich alles getan war.« Schubert auf den Typus des naturbelassenen Genies und des arglosen Instinktmusikers reduzieren zu wollen, muss man auch einem Max Reger nicht durchgehen lassen. Immerhin bewies er tätige Reue für dieses Klischee, als er 1913 und 1914 insgesamt fünfzehn Schubert-Lieder orchestrierte und im Ergebnis ganz eigenartige, anachronistische Doppelgänger kreierte: zeitversetzten Schubert.
Den Anstoß gab die Anfrage einer Sängerin, aber danach war bald kein Halten mehr: »Ich beabsichtige im Laufe der Jahre die meistgesungensten Lieder von Schubert zu instrumentieren«, kündigte Reger seinem Verleger an, »u. zwar in einer Besetzung, wie sie jedes selbst das kleinste Orchester aufzuweisen hat. Die Instrumentierung wird so, daß der Sänger resp die Sängerin nie ›gedeckt‹ wird.« Reger wollte obendrein einer weit verbreiteten Unsitte entgegenwirken: Seinerzeit wurden in Symphoniekonzerten zur Abwechslung zwischen die Orchesterwerke noch klavierbegleitete Lieder eingerückt, für Reger ein künstlerisches Desaster, eine Zumutung, ja »direkt eine Beleidigung [,] in einem Riesensaal nach einer Orchester No [Nummer, Anm. d. Red.] eine Sängerin hören zu müssen, die da zu der im riesigen Saal immer ›spindeldürren‹ Klavierbegleitung Lieder singt!« Mit diesem Missgriff sollte jetzt Schluss sein. Aber das oberste Gebot, das sich Reger selbst auferlegte, lautete: Jede nachträgliche Instrumentierung eines Schubert-Liedes müsse »möglichst fein u. spielbar, vor Allem stylgemäß« ausfallen.
Klangverliebte Dichtkunst
Zu den Liedern, die Max Reger im Herbst 1913 und Frühjahr 1914 orchestrierte, in den letzten Monaten, die er noch als Hofkapellmeister im thüringischen Meiningen amtierte, zählten Im Abendrot (D 799) nach kunstfrommen Strophen des pommerschen Gymnasiallehrers Karl Lappe, An die Musik (D 547) auf ein Gedicht des Schubert-Freundes, Bonvivants und in allen Künsten dilettierenden Franz von Schober oder auch Du bist die Ruh’ (D 776) aus den Oestlichen Rosen des deutschen Lyrikers, Übersetzers und Orientalisten Friedrich Rückert. Dessen Verse waren Nachdichtungen oder, wie er selbst es nannte, »freye Reproduktionen« der Poesie des persischen Dichters und Mystikers Hafis aus dem 14. Jahrhundert, die um dieselbe Zeit auch Goethe zu seinem West-östlichen Divan anregte.
Insbesondere die hypnotische, in sich kreisende, aus Verspaaren gebildete Form des arabischen Ghasels hatte es Rückert angetan. Franz Schubert ging mit dieser an sich schon höchst klangverliebten Dichtkunst einerseits zwar frei und eigenwillig um und setzte souverän auf den Primat der musikalisch geprägten Form. Andererseits reizte er die subtile Dialektik der persisch-deutschen Lyrik aus und brachte das Wechselspiel der Gefühle in eine geradezu mystische Balance und weltentrückte Ekstase: Lust und Schmerz, Sehnsucht und Frieden lösen sich ab und lösen sich auf und gleiten unfassbar hinüber auf die andere Seite der Wirklichkeit.
»Allerintimste Fühlung«
Wenn Max Reger dieses Lied 1913 in den schimmernden Orchesterklang taucht, erinnert Du bist die Ruh’ mit seinen transparenten Farblegierungen und den schwebenden Tönen an Richard Wagners Lohengrin-Vorspiel, eine doppelt unzeitgemäße Assoziation, prä- und postwagnerisch zugleich. Ohne den Probenalltag in Meiningen und die Kontinuität der Konzerte, ohne die »allerintimste Fühlung mit dem Orchester als Klangapparat« hätte Reger niemals solche aparten und erlesenen Instrumentierungen schaffen können, auch wenn er Schuberts Musik schon fast einer Überromantisierung aussetzt. Anders als der Kollege und Zeitgenosse Strauss in seinem Ganymed verschwindet Reger nicht in oder hinter seinen Orchesterfassungen: Er bleibt allgegenwärtig, muss die Gesangsmelodie immerzu reflektieren, umspielen, verdoppeln, nachzeichnen, kommentieren, selbst bei einem psalmodie- und choralartigen Lied wie Im Abendrot. War das noch »stylgemäß« oder bereits zu viel der »holden Kunst«?
Zerbrechliches Glück
Und wie könnte gut hundert Jahre später ein Schubert-Lied mit Orchester aussehen, aus noch größerer Distanz und mittlerweile sensibilisiert durch die »historisch informierten« Schubert-Aufführungen? Am ehesten vielleicht, indem man auf ein Orchester gleich ganz verzichtet? Zumal wenn es sich um Der Vater mit dem Kind (D 906) handelt, Schuberts Wiegenlied aus dem Januar 1827 und das einzige (erhaltene) Lied nach einem Gedicht seines Freundes, des späteren Burgtheater-Dichters Eduard von Bauernfeld. Der wiegende, herzschlagartige Rhythmus im Klavierpart ist aufs Äußerste reduziert, von Pausen skelettiert, so karg und stockend, dass er wie ein Memento mori den Gesang unterbietet und die Gedanken des Vaters durchkreuzt, der seine Frau verloren hat und alles Glück von seinem Kind erwartet. Alles zerbrechliche Glück. Julian Prégardien singt dieses anrührende, so irritierende wie intime Lied nur mit Begleitung der Harfe: eine stille, einsame, introvertierte Kammermusik, eingeschlossen in eine Welt aus Nacht und Wind.